Dienstag, 9. Oktober 2012

Flammen über Arcadion - Bernd Perplies

Inhalt
Hatte Carya bisher ein ganz normales, einfaches Leben in Arcadion geführt, ändert sich dieses von einem Tag auf den anderen, denn durch das Zutun einer Freundin sitzt sie plötzlich in einer Verhandlung, bei der ein Invitro, so werden in ihrer Welt die künstlich erschaffenen Menschen genannt, gefoltert wird. Caryas Weltbild wird in den Grundfesten erschüttert, und im Affekt schießt sie auf die Menschen, die dafür verantwortlich sind: der Lux Dei, die Inquisitoren von Arcadion. Von nun an ist sie auf der Flucht und ihre einzigen Begleiter sind Jonan, ein fahnenflüchtiger Soldat, und der Straßenjunge Pitlit. Auf der Flucht entdeckt sie immer mehr Geheimnisse der Lux Dei, aber auch ein lange vergessenes Geheimnis über ihre eigene Herkunft, welches ihr unerwartete Verbündete verschafft...

Meinung
Für mich waren die Bücher von Bernd Perplies bisher immer ein einziges Auf und Ab, denn die Magierdämmerung-Trilogie hatte sehr viele Höhen, aber doch auch deutliche Schwächen, besonders im letzten Band. Auch hier bestätigt sich wieder meine Erfahrung mit diesem Autor, denn obwohl ich das Buch wirklich gern mochte, sind doch wieder einige Probleme für mich aufgetaucht. Aber fangen wir doch erstmal bei den Stärken an, denn da gibt es durchaus auch einige.

Wieder einmal entführt uns Bernd Perplies in eine teilweise bekannte, aber auch zum Teil vollkommen neue Welt. Dieses Mal ist es nicht das vergangene, Steampunk-trächtige London, sondern das post-apokalyptische Rom. In dieser neuen Welt heißt es allerdings Arcadion, doch die Hinweise sind eindeutig genug, um es als ehemaliges Rom bzw. Vatikanstadt zu identifizieren. So liegt es laut Autor auf einem stiefelförmigen Land, zudem gibt es eine Engelsburg und einen riesigen Dom im Mittelpunkt der Stadt. Auch die Menschen dort haben italienisch klingende Namen. Ich mag diese Art, dass er immer etwas nimmt, was einem im Ansatz schon vertraut ist, es aber doch so verändert, dass man wieder Neues entdecken kann. So auch in Arcadion: Diese dystopische Welt ist geprägt von einem Schrecken, den die Menschen als die "dunklen Jahre" bezeichnen, eine nicht näher bezeichnete Katastrophe, die sich einige Jahre vor der Handlung im Buch zugetragen hat und große Teile der Erde unbewohnbar gemacht hat. Bernd Perplies erklärt die Umgebung und die Zustände in Arcadion sehr genau, man kann es sich gut vorstellen, indem man die Bilder, die man eh schon von Rom im Kopf hat, ein wenig ergänzt bzw. abändert.

Die Handlung verfügt über einen größtenteils gelungenen Spannungsbogen, bis auf ein paar wenige Längen am Anfang und in der Mitte. Das Ende jedoch hat mich vollkommen überzeugt, so wie auch schon in seinen vorherigen Büchern, denn ein Händchen für actiongeladene Finale hat er definitiv. Auch hatte ich keine großen Schwierigkeiten, mit den Figuren warm zu werden, denn sowohl Carya, als auch Jonan und Pitlit, sowie die Nebenpersonen sind einem schnell sympathisch. 

Hier kommen wir allerdings schon zu einer der Schwächen des Buches: Die Charakterkonstellation war für mich meist sehr unvollständig und oberflächlich. Ob es nun die sich langsam anbahnende Liebesbeziehung zwischen Jonan und Carya, die Freundschaft zwischen Carya und ihrer besten Freundin Rajael oder zwischen Jonan und seinem Freund Lucai ist, irgendwie habe ich diese Beziehungen und auch andere nicht recht ernst nehmen können. Hier bleibt der Autor leider etwas oberflächlich, so dass es stellenweise unglaubwürdig wird. Schade! Denn Potential haben alle diese Figuren für sich allein, nur im Zusammenspiel wirken sie nicht authentisch. Dadurch entstehen einige Logiklöcher, z.B. kann man als Leser nur wenig nachvollziehen, warum Jonan ganz plötzlich Carya zu Hilfe kommt, obwohl er sie erst einmal vorher gesehen und nicht einmal mit ihr gesprochen hat und sie eigentlich verhaften sollte. Instant Love lässt grüßen. 

Aber nicht nur seine Personen bleiben ein bisschen in der Oberflächlichkeit zurück, sondern auch sein Plot. Vielleicht liegt es daran, dass es der erste Band für eine Trilogie (?) ist, aber ein bisschen unbefriedigt bin ich schon, was die ganzen Hintergründe angeht. Immerzu werden von irgendwelchen diffusen Bedrohungen aus anderen Ländern gesprochen, Namen wie Austrogermania und Mondkaiser werden in den Raum geworfen, aber nie so richtig erklärt, man kann sich nur seinen Teil denken. Auch die ganze Entstehung dieser neuen Welt wird noch sehr im Dunkeln gelassen, wir erfahren zwar von dem ungefähren Aufbau von Arcadions System und eben von diesen nicht weiter definierten "dunklen Jahren", ausgelöst durch einen sogenannten Sternenfall, von Strahlenbelastung im Umland von Arcadion, von einem Ödland und Mutanten, aber warum, wieso, weshalb, wird nicht weiter erklärt. Gerade für einen ersten Band einer dystopischen Reihe, der uns ja eigentlich auch zum großen Teil in diese neue Welt einführen soll, erwarte ich da sehr viel mehr Informationen. 

Mein letzter Kritikpunkt bezieht sich auf bestimmte Begriffe, mit denen Menschengruppen in dieser Welt bezeichnet werden. Bernd Perplies redet zum einen von "Mutanten", die nichts weiter sind als Menschen, die scheinbar verstrahlt wurden, und daher mit Missbildungen oder Krankheiten leben müssen. Ich finde diesen Begriff einfach sehr irreführend, und zudem sehr herabwertend. Ich verstehe es ja noch, wenn die Propaganda von Arcadion diese Menschen immer noch als Mutanten betitelt, aber warum machen das die Hauptpersonen auch weiterhin, nachdem sie sich sogar mit einigen von ihnen befreunden? Dasselbe gilt für den Begriff "Invitro" oder "Künstlicher". In meinen Augen ein weiterer diskriminierender Begriff, der nicht aus der Perspektive der Personen benutzt werden sollte, die sich gegen solche Propaganda auflehnen.

Fazit
Insgesamt ist also mein Ausflug mit Bernd Perplies wieder einmal sehr durchwachsen gewesen. So bleiben einige Beziehungen zwischen den Charakteren oberflächlich, zudem geht Herr Perplies leider sehr sparsam mit Informationen um, die die Hintergründe seiner neuen Welt betreffen. Und doch: Das Finale des Buches hat mich gepackt, so dass ich auf jeden Fall den zweiten Band dieser Reihe lesen möchte, denn großes Potential hat die Geschichte definitiv, so dass durchaus noch Steigerung möglich ist. Ich bin darauf gespannt, wie es mit Jonan und Carya weitergeht.

Bewertung
4 von 5 Blumen! Vielen Dank an LYX für dieses Rezensionsexemplar!

Reiheninformation
Ganz sicher bin ich mir nicht, aber ich glaube, auch diese Reihe wird wieder eine Trilogie. Der zweite Teil Im Schatten des Mondkaisers (aha, da ist er wieder, dieser ominöse Mondkaiser!!! ^^) wird im März 2013 wieder bei LYX erscheinen. Im Übrigen finde ich die Cover wirklich sehr gelungen! In echt sieht Flammen über Arcadion noch viel schöner aus, mit einigen Spotlack-Highlights. ♥



5 Kommentare:

StefanieEmmy hat gesagt…

Ich habs jetzt nicht genau gelesen, weil ich das Buch bald selber lesen werde, aber 3 Sterne ... das sieht ja nicht so flockig aus :/ Bin ich ja gespannt, wie ich das finden werde.

Karo hat gesagt…

@Steffi: Hmm... ich hab auch echt überlegt, ob ich vielleicht doch noch ein bisschen drauflege. Allerdings waren da doch einige Dinge, die mich gestört haben. Aber wie ich auch im Fazit sage: Es ist Potential da, das Ende war toll, somit werde ich definitiv dranbleiben und würde es auch weiter empfehlen. Ich habe eh zurzeit das Gefühl, dass ich seeehr kritisch lese. ;)
Übrigens freue ich mich, mal wieder was von Dir zu hören! Hatte gehofft, dass Du was zum Perplies sagst, hatte nämlich gerade heute an Dich beim Schreiben gedacht. :)

Hast Du das Buch denn schon zu Haus? :)

Reni hat gesagt…

Ich habe von dem Autor bisher nichts gelesen, würde es aber trotzdem mal gerne wagen - deiner Kritik zum Trotz. Denn irgendwie reizt mich diese Geschichte und ja, vielleicht möchte ich das schöne Cover mal kurz in meinen Händen halten. :) Mal sehen, was der nächste Besuch in der Buchhandlung so bringt. Vielleicht luschere ich dann mal kurz rein, streichle das Buch und entscheide dann spontan. Denn deine Contra-Argumente sind ja auch nicht von der Hand zu weisen und es sind ja vor allem die Charas/der Plot, die gut funktionieren sollten. Wie es auch kommen mag, mit mir und Arcadion: wundervolle Rezi!

LG, Reni

Karo hat gesagt…

@Reni: Wie ich auch schon Steffi schrieb: Ich würde nicht unbedingt vom Buch abraten, denn ich mochte es insgesamt doch sehr gern. Bernd Perplies kann immer sehr mit dem Abschluss eines Buches überzeugen, so dass man unbedingt weiterlesen möchte. Und ich glaube, aus der Geschichte kann man noch richtig was machen, wenn an den Beziehungen zwischen den Charakteren und an dem Weltenaufbau gearbeitet wird. Gespannt, wie es weitergeht, bin ich auf jeden Fall, und das ist wahrscheinlich auch das Wichtigste bei einer Reihe. :)
Und vielen Dank fürs Kompliment! :))))

StefanieEmmy hat gesagt…

Jap, Buch steht hier, ich brauch nur Zeit ;)